Geschichte

Ein Krankenhaus im Wandel der Zeit
"Wer immer Schmerzen hat, gehe zum Doktor" sagt der Babylonische Talmud. In dieser Tradition stehen die jüdischen Krankenanstalten Berlins seit 1756.In der dunklen Zeit der NS-Verfolgung konnten hier mehrere hundert jüdische Menschen überleben. Unser Krankenhaus steht heute allen offen, die ärztliche Hilfe brauchen. Jüdische Mediziner haben im 20. Jahrhundert einen großen Anteil an der Fortentwicklung ärztlicher Kunst. Möge unser Krankenhaus auch in Zukunft Nukleus medizinischen Fortschritts für alle sein, die ärztliche Hilfe brauchen.

Dr. Andreas Nachama, ehemaliger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Das Jüdische Krankenhaus an der Heinz-Galinski-Straße im jetzigen Hauptstadtbezirk Mitte gelegen, ist das dritte Krankenhaus, das die Jüdische Gemeinde in Berlin erbaut hat. Am 22. Juni 1914 wurde das neue Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde im Bezirk Wedding seiner Bestimmung übergeben, Die Fachpresse lobte die großartige Ausstattung der Einrichtung.

Das Jüdische Krankenhaus heute

Das Jüdische Krankenhaus Berlin ist heute ein traditionsreiches Unfallkrankenhaus mit mehreren medizinischen Schwerpunkten. Es hat 340 Betten in mehreren Fachabteilungen und ist fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung in Berlin. Über 20.000 Patienten werden hier pro Jahr stationär und ambulant mit medizinischen und krankenpflegerischen Leistungen versorgt.

Das Krankenhaus ist akademisches Lehrkrankenhaus der Charité.

Unserer Tradition entsprechend sind wir ein offenes Krankenhaus. Unsere ärztlichen, krankenpflegerischen und sozialen Leistungen bieten wir allen Menschen an, die unsere Hilfe benötigen, unabhängig von Religion und Kultur, Herkunft und Hautfarbe.
Unser Ziel ist es, eine ärztliche Behandlung und Pflege auf einem hohen Qualitätsstandard zu verwirklichen, verbunden mit einem hohen Maß an menschlicher Zuwendung und Wärme. Die stete Bereitwilligkeit zur Fürsorge für die Bedürftigen und das Gebot der Wohltätigkeit sind traditionell im Leitbild unseres Hauses verankert, das jedem unserer Mitarbeiter Verpflichtung ist.
Die überschaubare Größe unseres Hauses gewährleistet eine unkomplizierte professionelle Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachbereiche. Die Fachärzte aller Abteilungen des Hauses stehen Ihnen in der Rettungsstelle rund um die Uhr zur Verfügung. Unsere Leistungen schließen alle wichtigen Kerngebiete der medizinischen Versorgung ein.

  • Chirurgie: Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, Orthopädische Chirurgie, Allge-mein- und Visceralchirurgie, Gefäßchirurgie
  • Innere Medizin: Kardiologie, Gastroenterologie, Diabetologie
  • Neurologie: Behandlungszentrum für Multiple Sklerose
  • Psychiatrie: Schwerpunkt ist die Suchtbehandlung und die Therapie der Depression

Ergänzt werden die Fachabteilungen durch Spezialisten in unseren medizinischen Zentren, z. B. Gefäßzentrum, Bauchzentrum, Zentrum für Herzinsuffizienz.

Wir sind ein "Multikulturelles Krankenhaus".
In den Krankenhausfluren, in den Patientenzimmern, in der Cafeteria kann man ein Stimmengemisch der verschiedensten Muttersprachen vernehmen.
Sprachprobleme sind bei uns die ganz große Ausnahme. Für beinahe jeden Patienten finden wir aus dem Kreise unserer Mitarbeiter immer jemanden, der die jeweilige Sprache spricht.
Wir beschäftigen in allen Bereichen Mitarbeiter verschiedenster Nationalitäten und Glau-bensrichtungen.
Ein offenes Krankenhaus für alle Menschen. Auf den ersten Blick ein Krankenhaus wie jedes andere. Nicht ganz.
Vor dem Haus, am Eingang in der Heinz-Galinski-Straße, die Straße, die so viele jüdische Bürgerinnen und Bürger unseres Landes durchschreiten mußten, um anschließend in den Gestapozellen auf ihre Deportation in die Vernichtungslager zu warten, zeugt eine Gedenktafel von der historisch bedeutsamen Geschichte.

Auf dem Gelände des Krankenhauses, gleich am Eingang, steht eine Büste von Heinz Galinski. Sie soll ebenso wie die Straße, die nach ihm benannt wurde, an die herausragenden Verdienste eines Menschen erinnern, der sein persönliches Schicksal für die deutsch - jüdische Aussöhnung fruchtbar machte. Sie zeugt von Achtung und Respekt vor einem Menschen, seiner Kraft und Menschlichkeit, gerade in einer Zeit, in der Ängstlichkeit, auch gegen Übergriffe auf jüdische Einrichtungen, verbreitet ist und Mut und Zivilcourage zu schwinden scheinen.
Heinz Galinski war ein Mensch, der nicht vergessen, aber vergeben konnte.

Im Krankenhaus ist die ständige Ausstellung "Erinnerung ist Gegenwart" zu sehen, die die lebendige und eindrucksvolle Geschichte des Krankenhauses dokumentiert.
Beim näheren Hinsehen zeigen sich weitere Zeichen jüdischen Lebens. An den Pfosten der Eingangstüren zu den Bettenhäusern sind die Mesusah angebracht.
Ein Rabbiner der Jüdischen Gemeinde besucht auf deren Wunsch unsere jüdischen Patienten. Auf Wunsch erhalten sie koscheres Essen. Geblieben ist das ungeschriebene Gesetz, für jüdische Patienten immer ein Bett bereitzuhalten.
Gefeiert wird im Jüdischen Krankenhaus z.B. das Lichterfest, gemeinsam mit Patienten, Mitarbeitern, Kindern der jüdischen Grundschule und Freunden des Krankenhauses.

Im Jüdischen Krankenhaus befindet sich auch die Synagoge, die im Mai 2003 feierlich wie-der eröffnet wurde. Sie steht als Bet- und Andachtsraum allen Menschen offen. Mit Rücksicht auf die Bilder und Spuren des Alten galt es, nicht etwas Neues zu tun, sondern das Bewährte neu zu tun.
Gerade in Zeiten zunehmender Intoleranz gegenüber "Anderen und Fremden" wollen wir mit der Wiedereröffnung unserer Synagoge auch ein Zeichen setzen zur Verständigung und zur Förderung jüdischen Lebens in dieser Stadt.
Der Förderverein " Freunde des Jüdischen Krankenhauses Berlin e.V. " hat sich bei der Verwirklichung dieses lang gehegten Wunsches des Krankenhauses verdient gemacht,
indem er durch eine groß angelegte Benefiz-Gala Spendengelder für den Wiederaufbau unserer Synagoge eingesammelt hat.
Das Jüdische findet sich auch in unserem Aufsichtsratsgremium, dem Kuratorium des Krankenhauses wieder. Unserer Satzung entsprechend sind dort neben den Vertretern des Senates und den Mitarbeitern des Hauses auch zwei Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vertreten.

Auf dem Gelände des Jüdischen Krankenhauses steht das Hermann-Strauß-Hospital.
Es ist eine Einrichtung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und hat eine lange Geschichte als Einrichtung für chronisch kranke Menschen.
Medizinisch werden sie von dem Chefarzt unserer Abteilung für Innere Medizin III versorgt.
Krankenpflegerisch werden die schwer- und schwerstpflegebedürftigen Menschen von fachlich qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut.
Sabbatgebete gehören ebenso selbstverständlich zu den Angeboten wie die Ausrichtung der jüdischen Feiertage mit Begleitung des Rabbiners und des Kantors, sowie die Versorgung der Patienten mit kalten und warmen Speisen über ein koscheres Restaurant.

In den letzten Jahren ist das Jüdische Krankenhaus weitere Schritte in Richtung eines mo-dernen Gesundheitszentrums gegangen, indem es z.B. die Trägerschaft für das Seniorenwohnheim in der Weddinger Schulstraße übernommen hat.
Das Seniorenheim, heute Wohnpflegezentrum am Jüdischen Krankenhaus, liegt sehr schön inmitten einer Grünanlage mit großem Baumbestand.
Es verfügt über 130 Plätze. Seinen Bewohnern bietet das Seniorenheim eine Atmosphäre der Toleranz, der Akzeptanz, der Geborgenheit und Würde.

Im Jahr seines 250 – jährigen Bestehens hat unser Haus das begehrte KTQ – Zertifikat als qualitätsgeprüftes Krankenhaus verliehen bekommen. Ein weiterer Schritt auf unserem Weg zu einem innovativen Jüdischen Gesundheitszentrum.
Unseren eingeschlagenen Weg werden wir konsequent weitergehen, um auch in Zukunft in der Lage zu sein, eine Patientenversorgung auf höchstem Qualitätsstandard zu verwirklichen.

An seinem jetzigen Standort in der Mitte Berlins, hat das Jüdische Krankenhaus in 2006 sein 250 – jähriges Bestehen gefeiert.
Neben einer großen Festveranstaltung sind zahlreiche medizinisch-wissenschaftliche Symposien durchgeführt worden.
Eine Ausstellung- Vom Hekdesch zum Hightech - erinnerte an die wechselvolle Geschichte und gibt darüber hinaus Ein- und Ausblick auf Gegenwart und Zukunft des Jüdischen Krankenhauses.
Im September lud das Krankenhaus alle Bürger zu einem Tag der Offenen Tür ein. Ein vielfältiges Programm erwartete die Besucher. Das Krankenhaus stellte seine Fähigkeiten als modernes Unfallkrankenhaus dar und gestattet einen Blick hinter die Kulissen. Verschiedene Gesundheitschecks zeigten den Besuchern wie es um ihre Gesundheit bestellt ist. An Informations- und Aktionsständen standen unsere Ärzte und Pflegepersonen Rede und Antwort. Natürlich kam auch die Unterhaltung nicht zu kurz, wobei ein buntes Kinderprogramm auch die Kleinsten begeisterte. Ein toller Tag für die ganze Familie.
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Herr Klaus Wowereit, hatte für alle Veranstaltungen die Schirmherrschaft übernommen und war gemeinsam mit Walter Momper, Prof. Jutta Limbach und vielen anderen Prominenten, am 1. September, anlässlich unserer Festveranstaltung, zu Gast im Jüdischen Krankenhaus.


Die Anfänge
Im Jahre 1756 wurde das erste „ Krankenhaus“ der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Oranienburger Straße gegründet.
Somit ist das Jüdische Krankenhaus neben der Charité das älteste und traditionsreichste Krankenhaus unserer Stadt.
Das ursprüngliche Gebäude war 4 Stockwerke hoch, 20 Fenster breit und hatte 12 Stuben. Arzt am Jüdischen Krankenhaus war der bekannte Arzt und Philosoph Marcus Herz.
Nach der Neuorganisation wurde es umbenannt in "Krankenverpflegungsanstalt der Jüdi-schen Gemeinde". Wie auch die Charité war es eine Institution der Armenpflege. Seine Aufgabe war die Heilung, Pflege und Unterstützung der Armen. Der Wunsch nach voller Emanzipation in die bürgerliche Gesellschaft bestimmte die Entwicklung der Einrichtung mit. Erhebliche Raumprobleme machten einen Neubau erforderlich.
Dieser wurde im Jahre 1857 von der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde beschlossen. Dem königlichen Baurat Eduard Knoblauch wurde der Entwurf für ein neues Jüdisches Krankenhaus anvertraut. Dieser hatte gerade die Synagoge in der Oranienburger Straße gebaut.

Das Jüdische Krankenhaus in der Auguststraße

Im Jahre 1861 wurde das Jüdische Krankenhaus in der Auguststraße eröffnet. In Berlin und in Deutschland galt das Krankenhaus als eine vorbildliche und richtungsweisende Einrichtung der medizinischen Lehre, Forschung und Patientenversorgung.
Bekannte Mediziner wie Ludwig Traube, Bernhard von Langenbeck, Hermann Strauß und James Israel, um nur einige zu nennen, behandelten im Jüdischen Krankenhaus.
James Israel war eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Nieren- und Blasenchirurgie. Im Jahre 1915 reiste Israel nach Istanbul um in geheimer Mission den Sultan Mohammed V. zu behandeln.
Die Einwohnerzahl Berlins wuchs zwischen 1885 und 1900 immens, von 1.315.000 auf 1.888.000. Die Zahl der in der Stadt lebender Juden erhöhte sich von 64.383 auf 92.206. Die Anzahl der Patienten im Jüdischen Krankenhaus nahm ständig zu, ebenso die Diagnostik- und Behandlungsmöglichkeiten. Wiederum stand ein Krankenhausneubau an, der in der Weddinger Schulstraße vollzogen wurde.

Das Jüdische Krankenhaus in der Zeit des Nationalsozialismus

Hermann Strauß und Paul Rosenstein stehen stellvertretend für viele berühmte Ärzte, die nach 1933 am Jüdischen Krankenhaus in Wedding tätig waren. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann das traurigste Kapitel der traditionsreichen Geschichte des Krankenhauses der Jüdischen Gemeinde.
Die Juden wurden politisch, sozial und physisch verfolgt. Den jüdischen Ärzten wurde die Approbation aberkannt, sie durften nur noch Juden behandeln. Das Krankenhaus war Sammellager und Zwischenstation für die Transporte der Juden in die Konzentrationslager. Es wurde Ghetto, aber auch Zufluchtstätte für Untergetauchte.
Zur Befreiung im Jahr 1945 sollen sich zwischen 800 und 1.000 Menschen innerhalb seiner Mauern versteckt gehalten haben. Am 11. Mai 1945 wurde im Jüdischen Krankenhaus wieder ein Kind geboren.

Das jüdische Leben in Berlin erwachte langsam wieder, aber der größte Teil der Überlebenden der Jüdischen Gemeinde wollte diese Stadt, dieses Land verlassen.
Wie sollten die wenigen Gemeindemitglieder ein 400-Betten-Krankenhaus finanziell tragen?
Im Jahr 1963 wurde das Jüdische Krankenhaus eine „Stiftung des bürgerlichen Rechts“.

In seiner fast 250jährigen Geschichte symbolisiert das Jüdische Krankenhaus Berlin die Höhen und Tiefen deutsch-jüdischer Geschichte und Kultur in Berlin.
Bedeutende Namen der medizinischen Wissenschaft und Forschung waren immer eng mit dem Namen des Jüdischen Krankenhauses verbunden.
Das Jüdische Krankenhaus hat als einzige jüdische Institution in ganz Deutschland den Naziterror überstanden und ist die älteste Einrichtung, die von Menschen jüdischen Glaubens in Berlin geschaffen wurde, und die immer noch in gleichbleibender Funktion besteht.

Das Jüdische Krankenhaus ist kein Mahnmal. Es ist vielmehr auch ein Ort, sich zu erinnern.